Ergebnisse Expertenbefragung 2018:
Geburtskliniken haben erkannt, woran es ihren Hebammen fehlt.

Expertenbefragung zur Personalpolitik in der Geburtshilfe zeigt deutlich die wichtigsten Hebel auf.

05. Mai 2018

In einer aktuellen Befragung hat der gemeinnützige Verein Deutsche Hebammenhilfe e.V. über 100 Experten aus deutschen Geburtskliniken zu ihrer Personalpolitik befragt. Ziel war es, die Anforderungen der Kliniken mit den vermuteten Bedürfnissen von Hebammen und Entbindungspflegern abzugleichen.

Überraschend: die Kliniken wissen sehr genau, was Hebammen an der klinischen Geburtshilfe stört. Vor allem die familienunfreundlichen Arbeitszeiten (69 %) und die geringe Entlohnung (64 %) würden potentielle Bewerber von der Arbeit in der Klinik abhalten. Dabei können beide Faktoren von den Kliniken aktiv beeinflusst werden. Als weitere Gründe werden u.a. die zu hohe emotionale Belastung der Hebammen und ihre große Verantwortung genannt (beide je 45%). Entgegen der landläufigen Meinung sind die teuren Haftpflichtprämien eher nicht schuld am Hebammenmangel. Sie werden nur von 19% der befragten Experten erwähnt.

“Es stimmt uns zuversichtlich, wie deutlich die Kliniken die drängendsten Herausforderungen auf dem Schirm haben”, sagt Florian Schwarz, Vorsitzender der Deutschen Hebammenhilfe. “Nun sollten diese auch endlich angepackt werden. Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.”

 

Offen danach gefragt, was passieren müsste, damit wieder mehr Hebammen in den Kliniken arbeiten, benannten die Geburtskliniken vor allem fünf relevante Hebel:

    1. Anpassung der Fallpauschalen für die spontane Geburt.
      Mit den Fallpauschalen wird die Höhe der Krankenhaus-Entgelte nach Art und Schweregrad der diagnostizierten Krankheit eingestuft und mit den Krankenkassen abgerechnet. Für natürliche, vaginale Geburten sind diese sehr niedrig. Die Fallpauschalen gelten für privat und gesetzlich Versicherte gleichermaßen.
    2. Angemessene Entlohnung für die verantwortungsvolle Arbeit

    3. Möglichst 1:1 Betreuung der Patientin
      d.h. eine Hebamme betreut unter der Geburt nur eine Patientin, statt mehrere Gebärende gleichzeitig.
    4. Arbeiten auf Augenhöhe
      Wertschätzung der Fachkompetenz der Hebamme durch das sonstige medizinische Fachpersonal, insbesondere die Ärzteschaft
    5. Höhere Kopfzahl von Hebammen in der Klinik
      Durch die Einrichtung zusätzlicher Planstellen wird die Arbeitsbelastung für das gesamte Team reduziert.

Diese Bewerber wünschen sich die Kliniken

Hebammen sollten aus Sicht der Kliniken vor allem belastbar sein, teamfähig und psychisch stabil. Einfühlungsvermögen, Einsatzbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein stehen ebenfalls hoch im Kurs.

73 % der befragten Geburtskliniken arbeiten bevorzugt mit angestellten Hebammen. Nur 16 % bevorzugen die Arbeit mit Freiberuflerinnen, den sogenannten Beleghebammen. Berufseinsteiger und Berufserfahrene werden mit 89 % gleich gern beschäftigt.

“Der Löwenanteil der jährlich über 760.000 Geburten in Deutschland wird zu fast 80 % von angestellten Hebammen gestemmt”, erklärt Vereinsvorstand Florian Schwarz. “Aber nur rund 9.300 der 24.000 deutschen Hebammen arbeiten als Angestellte in der Geburtshilfe. Ein dramatisches Ungleichgewicht! Entscheiden sich die Hebammen erstmal für die Selbständigkeit, kehren sie der aktiven Geburtshilfe meist den Rücken. Umso wichtiger ist es, dass die Geburtskliniken dafür sorgen, die Arbeitsbedingungen im Kreißsaal spürbar attraktiver zu gestalten und die Nachwuchsgewinnung endlich aktiv in die Hand nehmen.”

Um sich gegenüber den BewerberInnen künftig als reizvoller Arbeitgeber zu präsentieren, wollen die Kliniken vor allem Zusatzleistungen und Sonderzahlungen betonen, das Teamwork, die Ausstattung der Kreißsäle sowie Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten anführen.

Im Rahmen der Online-Befragung wurden die Personalabteilung, die Pflegedienstleitung sowie leitende Hebammen an Kliniken mit geburtshilflichen Abteilungen einbezogen. Der Verein Deutsche Hebammenhilfe e.V. möchte die Ergebnisse u.a. nutzen, um BerufseinsteigerInnen für den Hebammenberuf und den aktiven Einsatz in der Geburtshilfe zu begeistern.